DNAI Denkimpuls 5 | Geschäftsmodelle & Zukunftsfähigkeit
Was, wenn unser Erfolg von heute unser Geschäftsmodell von morgen gefährdet ?
Ein Unternehmen ist profitabel. Die Kunden sind zufrieden. Die Marktposition ist stabil. Prozesse werden optimiert, Kosten reduziert und neue Technologien eingesetzt. Eigentlich läuft alles richtig.
Aber was, wenn wir gerade ein Geschäftsmodell perfektionieren, das in Zukunft niemand mehr braucht?
Wenn Effizienz nicht mehr ausreicht
Unternehmen investieren viel Energie darin, ihre Leistungen kontinuierlich zu verbessern. Prozesse werden beschleunigt, Kosten gesenkt und Kundenbedürfnisse möglichst effizient erfüllt. Auch künstliche Intelligenz wird derzeit häufig unter diesem Gesichtspunkt betrachtet: Wo können wir automatisieren, Produktivität steigern und Ressourcen einsparen?
Das ist unternehmerisch sinnvoll. Doch möglicherweise greift diese Perspektive zu kurz.
Denn Digitalisierung und KI verändern nicht nur, wie Unternehmen ihre Leistungen erbringen. Sie können auch grundlegend verändern, welchen Wert diese Leistungen künftig für ihre Kunden haben.
Was bisher aufwendig, teuer oder nur mit spezieller Expertise möglich war, könnte künftig einfach und kostengünstig verfügbar sein. Damit stellt sich eine Frage, die weit über klassische Effizienzsteigerungen hinausgeht:
Der blinde Fleck:
Wir werden immer besser in etwas, das unsere Kunden vielleicht bald nicht mehr brauchen.
Während wir unser bestehendes Geschäft optimieren, könnten andere das Kundenproblem längst auf völlig neue Weise lösen.
Was bedeutet das für Unternehmensführung und Aufsicht?
Ein Aufsichtsrat muss keine neuen Geschäftsmodelle entwickeln. Aber er sollte kritisch hinterfragen, ob der Vorstand ausreichend über die Zukunft der Wertschöpfung nachdenkt.
Dabei reicht es nicht, Innovationsprojekte und Digitalisierungsbudgets zu betrachten.
Entscheidend ist, ob das Unternehmen bereit ist, auch sein bisheriges Erfolgsmodell infrage zu stellen.
Vier Fragen zum Weiterdenken:
1. Wofür bezahlen unsere Kunden heute – und werden sie dafür morgen noch bezahlen?
Welche unserer Leistungen könnten durch Technologie einfacher, günstiger oder frei verfügbar werden?
2. Wer könnte unser Geschäftsmodell angreifen, ohne heute zu unseren Wettbewerbern zu gehören?
Betrachten wir nur bekannte Marktteilnehmer oder auch völlig andere Lösungen für dasselbe Kundenbedürfnis?
3. Welche unserer Investitionen halten uns in der Vergangenheit fest?
Wo verhindern bestehende Strukturen, Ertragsquellen oder Erfolgskennzahlen, dass wir neue Möglichkeiten ernsthaft verfolgen?
4. Würden wir unser Unternehmen heute noch einmal genauso aufbauen?
Wenn wir ohne bestehende Prozesse, Systeme und Strukturen beginnen könnten – sähe unser Geschäftsmodell dann noch genauso aus?
Mein Gedanke dazu
Ich habe viele Jahre Unternehmen geführt und weiß, wie anspruchsvoll es ist, ein bestehendes Geschäft erfolgreich weiterzuentwickeln.
Ergebnisse müssen erwirtschaftet, Kunden betreut und Investitionen verantwortet werden. Man kann nicht jeder neuen Idee hinterherlaufen.
Aber genau darin liegt das Spannungsfeld.
Je erfolgreicher ein Geschäftsmodell ist, desto schwieriger kann es werden, seine grundlegenden Annahmen infrage zu stellen.
Vielleicht müssen wir deshalb aufhören, Innovation ausschließlich daran zu messen, wie sehr sie unser bestehendes Geschäft verbessert.
Und stärker danach fragen, ob wir bereit wären, unser eigenes Geschäftsmodell zu verändern, bevor andere es tun.
Eine Frage für die nächste Strategieklausur
Wenn wir heute unser eigener gefährlichster Wettbewerber wären – wie würden wir unser Unternehmen angreifen?
Gabriele Volz | DNAI – Denkraum für Führung und Verantwortung
